Autorin der »Prophezeiung« - Saga

Anne Hess





Anne W. v. Hess

Ein paar Eckpunkte

Hinter dem Pseudonym Anne W. v. Hess verbirgt sich eine Erfurter Autorin, die nach vielen Jahren ihren Weg zurück in die Heimat gefunden hat. 


Mit Leidenschaft widmet sie sich dem Schreiben und nutzt die Restaurierung alter Möbel als Auszeit, um selbst in ihre Geschichten abzutauchen. Durch ihr internationales Studium hat sich ihr Interesse an Geschichte, Kultur, Sprachen und Politik verstärkt. Nicht selten findet sie hier die Inspiration für ihre eigenen Werke. 


Ihr erster Roman »Excidium Babylon« erschien im Nydensteyn Verlag und markiert den Auftakt der »Prophezeiung«-Trilogie. Mit ihrem neuesten Werk »Momentum« bietet sie ihren Lesern einen Begleitband, der die Wartezeit bis zum zweiten Teil versüßt. Durch die Hörbuchveröffentlichung beider Werke im Sommer 2024 wird die Prophezeiung-Saga zum ultimativen Hörvergnügen.


Doch ihre Geschichten sollen nicht nur unterhalten, sondern uns daran erinnern, dass Frieden, Freiheit und Demokratie bedrohte Privilegien sind. Es liegt an uns, sie zu schützen. 

Symbol Frieden

Erlebe hier exklusiv einen Vorgeschmack auf meine faszinierende Buchwelt durch die eigenständige Kurzgeschichte »Somnium«. 

Tauche ein in diese mitreißende Erzählung, die speziell für dich, liebe Leserinnen und Leser, geschaffen wurde, während »Excidium Babylon« und »Momentum« im Shop darauf warten, von dir entdeckt zu werden.

Anne W. v. Hess

»Somnium – Träume aus zwei Welten«

Der Tänzer drehte sich kontinuierlich im Kreis, seine Arme waren ausgestreckt, und das Tanoura-Gewand wirbelte um ihn herum. Die spiralförmigen Muster verschwammen, während das Spiel der Trommeln und Flöten seinen Höhepunkt erreichte. Begeistert klatschte ich in die Hände, bis ich erschrak, als ich die ungewohnte Henna-Bemalung auf ihnen bemerkte. Fasziniert betrachtete ich die feinen Linien und eine unfassbare Freude erfüllte mich. Dann blickte ich auf und sah den Saal mit Hunderten von Gästen: Meine Familie und Freunde feierten Seite an Seite mit meiner neuen amerikanischen Schwiegerfamilie. Mein Herz tat einen Hüpfer, als ich meine Mutter sah; ein ungewohnt breites Lächeln erfüllte ihr sonst eher verschlossenes Gesicht. Als Letztes sah ich meinen Vater, der meinen neuen Ehemann herzlich an meine Seite drückte, bevor er sich voller Stolz in meine Richtung verneigte. Dieses letzte Bild ließ meinen Traum in tausend Stücke zerplatzen.

Ich wachte auf. Selbst mein Unterbewusstsein konnte diese Bilder nicht als wahr ansehen. Trauer, Wehmut und Ernüchterung durchflossen mich kurz, als mir noch einmal bewusst wurde, dass mein Vater keinen Amerikaner, geschweige denn einen Mann an meiner Seite akzeptieren würde. Besonders da ich für ihn nicht Nahla war, sondern immer noch sein Sohn Nagib Amin. Mein Wunsch nach einer traditionellen Hochzeit im Familienkreis war schon immer nicht mehr als ein unerreichbarer Traum gewesen. Das sagte ich mir jetzt auch noch einmal fest und schob damit die Bilder resolut zur Seite.

Stundenlang hatte ich mich im Bett gewälzt. Irgendwann war ich wohl kurz eingeschlafen, doch meine unruhigen Gedanken hatten sich in meinen Traum geschlichen. Nun wollte ich einfach wieder einschlafen – am besten traumlos. Ich schloss die Augen, aber die gleichen bittersüßen Bilder tauchten wieder auf. Also knipste ich das Nachtlicht an und griff nach meinem Handy. Auf dem Display leuchtete die Uhrzeit auf: fast drei Uhr morgens. Wundervoll, morgen würde ich übermüdet und mit verquollenen Augen vor Emmet auf unserer Hochzeit stehen. Doch plötzlich wich meine Frustration einem unvergleichlichen Glücksgefühl, als ich an meinen zukünftigen Ehemann dachte. Niemals im Leben hatte ich geglaubt, einen Menschen zu finden, der mich lieben könnte. Einen Mann, der alles an mir liebte – jede Unvollkommenheit und jede meiner Narben, von denen ich genügend hatte. Mein Hochzeitskleid würde morgen alle meine Narben überdecken, obwohl es keinen Grund gab, sie zu verstecken. Zum ersten Mal fühlte ich mich in meinem Körper wohl. Die Narben auf meiner Haut zeugten vom langen Weg, den ich hinter mich gebracht hatte, um Körper und Geist in Einklang zu bringen. Endlich war ich nur Nahla.

Meine zukünftige Schwiegermutter nannte mein Schicksal einen grausamen Scherz der Natur und weinte bitterlich. Ich tröstete sie, ohne jedoch selbst eine Träne zu vergießen. Früher hatte ich oft wegen meiner Situation geweint, bis mir klar wurde, dass keine Träne der Welt etwas an meinem Zustand ändern konnte. Es war daher sinnlos, mich darüber zu beklagen, dass ich nicht als biologische Frau geboren worden war.

Als Philosophie- und Politikprofessorin trieb mich stets die Frage nach dem Warum an. Doch hier war ich nach langen Jahren des Grübelns und des Verfluchens jedes erdenklichen Gottes zu dem Schluss gekommen, dass ich mit mir ins Reine kommen musste. Als ich das getan hatte, hatte mich mein Leben zu Emmet geführt. Und morgen würde ich den Menschen mit der schönsten Seele heiraten. Als wäre das nicht schon Segen genug, erhielt ich durch ihn eine komplett neue Familie: einen grummeligen Schwiegervater, eine zartbesaitete Schwiegermutter und das Recht, offiziell die Mutter von Lexi und Laurent zu werden. Eine neue Familie, die ich bereits jetzt über alles liebte, als Ersatz für jene Familie, die ich auf meinem Weg zu meinem wahren Ich verloren hatte – genauso wie meine Heimat, meine Sprache und meine Traditionen.

Auf dem Weg zur Küche öffnete ich kurz die Tür zum Kinderzimmer. Beide Kinder schliefen friedlich in ihren Betten. Mit einem träumerischen Lächeln schloss ich die Tür wieder und schlich weiter. Als ich den Küchenschrank mit den gepunkteten Tassen öffnete, sah ich auf meine Hände, dann wanderte mein Blick zur Kontrolle zu meinen nackten Füßen – auch hier zeigte sich keine Spur von Henna.

Mit einer warmen Tasse Milch machte ich es mir auf der Couch bequem und schaltete den Fernseher ein. Den Ton reduzierte ich auf ein Minimum, während die Bilder vor meinen Augen flackerten. Schnell trank ich meine Milch aus und schluckte gleich zwei der Baldriankapseln herunter. Es dauerte nicht lange und meine Augen fielen zu. Erneut tauchte der Tanoura-Tänzer auf, doch diesmal begleiteten ihn keine Trommeln und Flöten, sondern ein durchdringender Piepton. Als der unangenehme Ton verstummte, erhob sich jäh eine helle, melodische Frauenstimme aus der Menge.

 

Wir lebten in Freiheit. Wir beherrschten die Welt.

Wir sahen die Zukunft, das Ende der Welt.

Wir opfern die Freiheit. Wir entzweien die Welt.

Wir verändern die Zukunft, wandeln die Welt.

Wir erneuern die Freiheit. Wir vereinen die Welt.

Wir heilen die Zukunft, retten die Welt.
 

Meine zum Klatschen erhobenen Händen hingen erstarrt in der Luft, wie auch der Rest der Hochzeitsgesellschaft bewegte ich mich keinen Zentimeter. Die unbekannte Poetin stand nur wenige Meter vor mir, dennoch konnte ich ihr Gesicht nicht erkennen. Erneut erhob sie ihre Stimme und bei ihrem anklagenden Tonfall lief mir ein kalter Schauer über den Rücken:

 

Der Mensch hat sich über alle Naturgesetze hinweggesetzt. Er schaut beteiligungslos zu, während Unrecht und Zerstörung um sich greifen. Die Gier der Machthaber steuert die Menschheit in immer neue Konflikte. Die Hoffnungslosen strömen aus ihren Ländern, entfliehen Unterdrückung, Armut und Krieg. Die Vergessenen der westlichen Welt geben den populistischen Strömungen Aufschwung als Rebellion gegen die politische Elite.

Die Welt hat nichts aus der Geschichte gelernt und stürzt ungehindert auf die nächste Dunkelheit zu.
 

Während sie sprach, verblassten die Gestalten meiner Gäste eine nach der anderen. Als Letztes lösten sich die Silhouetten meiner Eltern auf und ich wusste, dass es ein endgültiger Abschied war.

Ich schrie nach Emmet und meinen Kindern – zu meiner unendlichen Erleichterung erschienen sie sofort an meiner Seite, ich drückte sie fest an mich. Ein Gefühl sagte mir, dass sie, wenn ich sie nicht festhielt, für immer hinter einem unsichtbaren Schleier verschwinden würden.

Die Weltgemeinschaft hat versagt, die globalen und transnationalen Probleme gemeinsam zu lösen. Ihr seid unfähig, voneinander zu lernen und in Frieden zu leben. Ihr rollt als immer größer werdende Plage über die Welt hinweg.
 

Ihr seid schuldig der Kriegstreiberei, des Völkermords, der Unterdrückung von Minderheiten, der Vernichtung der Artenvielfalt, der Ausbeutung der Tiere, der Zerstörung der Umwelt und der natürlichen Ressourcen.

Plötzlich überkam mich das unwiderlegbare Gefühl zu wissen, was die Unbekannte als Nächstes sagen würde. Nicht die genauen Worte, nur deren Bedeutung oder besser gesagt war mir die neue Welt, die sie ankündigte, seltsam vertraut.

 

Wir sind Kläger, Richter und ausführende Gewalt. Hiermit stellen wir den Menschen unter Arrest.

Die Welt wird von nun an durch den Tholus geteilt. Abgeschnitten voneinander sollt ihr schaffen, worin ihr gemeinsam versagt habt.

Innerhalb eures Sektors und unter Erfüllung unserer Forderungen wird euch nichts geschehen.

Zur ersten Sommersonnenwende geben wir euch Gelegenheit, euren Sektor zu verlassen.

Seid gewarnt, die partielle Öffnung ist der einzige Zeitpunkt, den Tholus lebend zu durchqueren.
 

Mein kurzes Déjà-vu-Erlebnis verflog genauso schnell, wie es gekommen war und wurde förmlich von einer unbekannten Angstwoge erdrückt. Plötzlich erreichten die drängenden Stimmen von Lexi und Laurent mein Ohr, immer wieder. Gleichzeitig erschütterte ein Erdbeben den Saal. Ich drückte meine Liebsten noch fester an mich, während ich meinen Kindern beruhigende Worte zuflüsterte und damit versuchte, die mit wilder Entschlossenheit vorgetragene Verurteilung der Welt zu übertönen.

 

Es folgt keine Verhandlung, Berufung oder Revision. Das Schicksal der Welt liegt in den Händen jedes Einzelnen.

Wir geben euch die Chance, euch zu bewähren, schafft Frieden, Einheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Demokratie, und die Welt wird in hundert Jahren wiedervereint.

Folgt ihr unserer Warnung nicht, bestrafen wir euch mit ewiger Finsternis und dem sicheren Tod.
 

Bei dem Wort „Tod“ flogen meine Augen auf. Vor mir standen meine Kinder in ihren Pyjamas und mit wuscheligen Haaren. Auf Laurents Wangen glitzerten Tränen, während seine große Schwester Lexi mit den Füßen aufs Parkett stampfte und damit wohl für das Erdbeben in meinem Traum verantwortlich war.

„Dein Film ist so laut“, sagte sie nun anklagend und zeigte auf den Flatscreen. Eine vibrierende, blutrote Zeichnung auf schwarzen Untergrund war darauf zu sehen, dazu der Text:

 

Vergesst niemals, wir beobachten euch und jede eurer Taten.
 

Als ich das las, wusste ich, dass mein Traum nicht meiner eigenen Fantasie entsprungen war. Augenblicklich zog ich meine Kinder an meine Seite und schickte ein Stoßgebet gen Himmel: Emmet möge schnellstens nach Hause kommen. Während ich den Kleinen versicherte, dass alles in Ordnung sei, wanderte mein Blick zum Fenster. Ein Teil von mir erwartete, da erneut die gesichtslose Unbekannte hinter der Fensterscheibe zu erblicken, doch nur Sterne waren zu sehen. Ich schluckte, aber die Beklemmung ließ nicht nach, dann plötzlich überzog ein rötlicher Blitz das schwarze Firmament, direkt gefolgt von einem erschütternden Knall. Mit Engelszungen sprach ich auf meine Kinder ein, während ich wusste, dass unser aller Leben niemals mehr das gleiche sein würde.Eines stand für mich jedoch fest: Was auch immer nun geschah, ich würde alles in meiner Macht Stehende tun, um meine Familie zu beschützen.

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